Magazin / Der Grabstein im Walzenfenster: Warum Geisterstädte die Automatenwelt nie ganz losgelassen haben
Der Grabstein im Walzenfenster: Warum Geisterstädte die Automatenwelt nie ganz losgelassen haben
Der Grabstein im Walzenfenster
Warum Geisterstädte die Automatenwelt nie ganz losgelassen haben
Wer über das neue Release Tombstone RIP liest, hat sofort ein Bild vor Augen: schiefe Grabsteine im Wüstensand, ein grinsender Totenschädel zwischen verwitterten Kreuzen, irgendwo dazwischen eine verlassene Main Street. Das Spiel setzt bewusst auf morbiden Wildwest-Humor, doch genau dieses Bild begleitet die Automatenwelt schon länger, als man vermuten würde. Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und der Frage nachzugehen, woher diese Bildsprache eigentlich stammt.
In den Boomtowns des amerikanischen Westens nannte man den Friedhof am Ortsrand oft schlicht Boot Hill, weil viele der dort Begrabenen mit den Stiefeln an den Füßen gestorben waren, nicht selten im Streit am Spieltisch oder an der Bar. Genau in diesen Salons stand meist auch die einzige Münzmaschine des Ortes, direkt neben Whiskeyfässern und Kartenrunden.
Die Nähe von Friedhof und Saloon war kein Zufall, sondern Alltag in Städten, die schneller wuchsen, als ihre Infrastruktur es erlaubte. Wer heute alte Fotografien solcher Orte betrachtet, erkennt oft nur zwei feste Gebäude: die Kirche mit angeschlossenem Gräberfeld und den Saloon mit seiner Automatenreihe an der Wand. Alles andere, von Zelten bis zu behelfsmäßigen Holzbaracken, verschwand meist so schnell, wie es entstanden war.
Diese Doppelrolle hinterließ auch Spuren im Design. Manche Trade Stimulators und frühen Nickelautomaten trugen gegossene Zierleisten mit Totenkopf- oder Kreuzmotiven, entlehnt von der Grabsteinkunst der Zeit, die Vergänglichkeit nicht verstecken, sondern zeigen wollte. Ein Motiv, das an der Kirchhofmauer begann, fand so seinen Weg bis auf die Frontplatte der Automaten.
Vom Saloon zur Sammlervitrine
Was ein morbides Motiv über die Geschichte der Automaten erzählt
Wenn eine Minenstadt versiegte, verließen die Menschen sie oft binnen weniger Wochen. Der Saloon schloss, die Fässer wurden verladen, doch schwere Automaten blieben nicht selten einfach stehen, zu unhandlich für den überstürzten Aufbruch. Genau solche Funde, Jahrzehnte später aus verlassenen Gebäuden oder Scheunen geborgen, gehören zu den Geschichten, von denen Sammler noch heute schwärmen.
Ein modernes Spiel wie Tombstone RIP nutzt Skelette und Grabsteine natürlich als Augenzwinkern, nicht als historische Dokumentation. Trotzdem trifft es einen echten Nerv: Das Memento-mori-Motiv, also die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, war im 19. Jahrhundert allgegenwärtig und schmückte weit mehr als nur Gräber.
Wer sich einen Ausstellungswinkel im Wildwest-Stil einrichtet, greift deshalb gern zu mehr als nur dem Automaten selbst. Ein gerahmtes Sepiafoto einer Main Street, ein schmiedeeisernes Wandstück im Saloon-Stil oder ein altes Blechschild machen aus einer einzelnen Vitrine schnell eine kleine, stimmige Szene.
Ein interessanter Nebeneffekt der Wüstenlage vieler Geisterstädte: Das trockene Klima konserviert Holz und Metall oft überraschend gut, weit besser als die feuchtere Luft mancher Großstadt. Manche der stimmungsvollsten Restaurierungsprojekte stammen deshalb ausgerechnet aus Gegenden, in denen man frühen Verfall zuerst erwarten würde.
In unserer eigenen Sammlung finden sich immer wieder Gehäuse, deren Zierrat genau an dieser Schnittstelle von Kirchhof- und Saloon-Ästhetik ansetzt, von gegossenen Ranken bis zu schlichten Kreuzmotiven. Wer stöbern möchte, wird in unserem Bestand schnell fündig und darf sich gerne selbst ein Bild machen.
Am Ende bleibt ein Motiv, das auf den ersten Blick düster wirkt und beim zweiten Blick eher tröstlich ist. Jede Kerbe in einem alten Gehäuse erzählt von einem Ort, der es selbst nicht mehr gibt, und genau das macht Sammeln zu mehr als einem Hobby: Es hält Geschichten am Leben, die sonst mit der Stadt verschwunden wären. Wer das nächste Mal eine Kurbel oder einen Hebel bewegt, spürt vielleicht ein wenig von jener Main Street, die es längst nicht mehr gibt.
← Zurück zum Magazin